Rudolf Naujok wurde am 23. Juli 1903 in Memel (heute Klaipėda, Litauen) als Sohn des Gastwirts Johann Naujok und seiner Frau Anna geboren. Den dramatischen Verlauf der Zwillingsgeburt beschreibt er im Prolog von Brücke am Kanal (2024), denn „die nicht alltägliche Geschichte wurde mir später so oft erzählt, dass ich sie fast im Traum wiedergeben kann.“
Er wuchs zwischen Wiesen und Wäldern am Kurischen Haff auf und hatte früh Kontakt zu Holzfällern, Bauern und Fischern. Die Heide, das Moor und der König-Wilhelm-Kanal waren seine Spielplätze. Im Winter 1905/1906 erkrankte sein Vater an einer Rippenfellentzündung, die er wochenlang verschleppte, worauf er im April 1906 verstarb. Drei Jahre später wurde Rudolf Naujok in die einklassige Volksschule in Starrischken eingeschult. Als im April 1912 auch seine Mutter nach kurzer Krankheit starb, zog er widerwillig in das Waisenhaus und Internat der von-Goese-Bachmann-Stiftung am Ostufer der Dange.
Dort fand er in Schulleiter Frank Zander einen Förderer, der das literarische Talent des Jungen entdeckte, als dieser seine ersten Aufsätze und Gedichte verfasste. Die Erkenntnis des jungen Dichters: „Da ging mir zum ersten Mal auf, dass ich etwas konnte, was offenbar nicht jeder beherrscht.“
Durch den Zugang zur Privatbibliothek im Internat kam Naujok mit den großen Werken der Weltliteratur in Berührung, Bücher von Leo Tolstoi und Maxim Gorki, über Theodor Storm und Gerhart Hauptmann bis hin zu Selma Lagerlöf und Henrik Ibsen. Vieles verstand er nicht, aber er las weiter und fand Gefallen an dem „seltsamen Spiel der Fantasie: Je weniger man etwas versteht, desto mehr wühlt es das Herz auf.“
Rudolf Naujoks Reifeprozess im Internat weckte sein Interesse an der Pädagogik. Nach der Schulzeit besuchte er das Lehrerseminar und trat nach seinem Abschluss eine Stelle als Lehrer an der Memeler Bürgerschule im Stadtteil Sandwehr an. 1930 ging Naujok für ein Jahr nach Berlin, um an der Friedrich-Wilhelms-Universität (heute: Humboldt-Universität) die „Psychologie, Physiologie, Pathologie und Therapie der Sprache und Stimme“ zu studieren, was ihn zum Gebärdensprachlehrer qualifizierte. Damals bestand das Ziel der europäischen Gehörlosenpädagogik darin, den Schülerinnen und Schülern das Sprechen mit Hilfe von Atemübungen beizubringen – eine anstrengende Arbeit für Lehrer und Schüler.
Rudolf Naujok (2. v. l.) zu Besuch beim Landschaftsmaler Ernst Mollenhauer (r) in Nidden auf der Kurischen Nehrung. Der Gasthof seiner Frau Hedwig Blode diente bis 1945 vielen Malern, Schriftstellern, Musikern und Schauspielern als Herberge und Treffpunkt
In Berlin heiratete Naujok Helene Petereit. Nach ihrer Rückkehr ins Memelgebiet arbeitete er von 1931 bis 1936 als Lehrer an der Gehörlosenanstalt in Ruß. Als die Einrichtung nach Memel verlegt wurde, wechselte er nach Tilsit und später nach Posen.
Auf Anregung seines Seminar-Kommilitonen Martin Kakis, inzwischen Redakteur bei der Tageszeitung Memeler Dampfboot, schrieb Naujok ab 1927 Beiträge über die Vergangenheit der Ostseeregion und ihrer Bewohner. Überregionale Bekanntheit als Autor erlangte er 1938 mit der Erzählung „Kleine memelländische Dorfchronik“. Im selben Jahr erschien sein erster Roman „Gewitter am Morgen“. Obwohl nur ein Teil seiner Werke im Memelland spielt, bekannte er sich stets zu seiner Heimat und nahm den Titel „Volksautor“ gerne an.
Nach der Vertreibung aus dem Memelland und Ostpreußen fand Rudolf Naujok seine Familie Ende 1945 in Niedersachsen wieder. In Stelle bei Hamburg leitete er für kurze Zeit eine Volksschule, bis er Anfang 1949 in Camberg im Taunus heimisch wurde. Dort hatte die von den Nazis geschlossene Gehörlosenschule ihren Betrieb wieder aufgenommen. Naujok bewarb sich als Lehrer für die neu eingerichtete „Hörklasse“ für ertaubte und resthörige Schüler und wurde angenommen. Die Gefühle zu seiner neuen Heimat beschreibt er im Aufsatz „Liebeserklärung an Camberg“ (zur Leseprobe).
Die Gehörlosenschule Camberg 1950; im linken Haus befanden sich die Wohnräume der Familie Naujok, zwei im Erdgeschoss und zwei im Dachgeschoss
In dem Taunusstädtchen begann seine langjährige Tätigkeit als Klassen- und Fachlehrer, sowie als Berufsschullehrer. Er arbeitete viele Jahre an der Landesgehörlosenanstalt in Camberg, die 1964 in „Sonderschule für Taubstumme“ umgetauft wurde. Von 1964 bis 1966 war er ihr Direktor.
Neben seinen beruflichen Verpflichtungen stellte sich Rudolf Naujok immer wieder kulturellen Herausforderungen, so zum Beispiel 1954 als Berater für den Spielfilm „Der schweigende Engel“, in dem sich das gehörlose Mädchen Angelika, gespielt von Christine Kaufmann, gegen eine Konkurrentin um die Hauptrolle in einer Oper durchsetzt. Regie führte Harald Reinl, der 10 Jahre später später mit seinen Winnetou-Filmen zu einem der erfolgreichsten Regisseure der deutschen Filmgeschichte wurde.
1967 wurde Rudolf Naujok in den Beirat der Bonner Prüfstelle für jugendgefährdende Schriften berufen (heute Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz). In dieser Aufgabe sah er die große Chance, persönlichkeitsbildende Texte zu würdigen und dazu beizutragen, in der Literatur ein neues ethisches Selbstverständnis zu etablieren.
Rudolf Naujok mit seiner Frau Helene Mitte der 1960er Jahre im Kurpark von Camberg
Nach seiner Pensionierung im Jahr 1968 sprach Rudolf Naujok hoffnungsvoll von einer freien und reichen Zeit literarischen Schaffens, die nun vor ihm liege. Leider wurde dieser vielversprechende Lebensabschnitt durch eine plötzliche Erkrankung und seinen Tod am 25. November 1969 jäh beendet.
Der Journalist Günther Welter beschrieb Naujoks literarischen Stil in der Frankfurter Neuen Presse so: „Seine zeitlosen Geschichten, sind geschriebene Grafik. Mit ein paar Strichen malte er die östliche Landschaft. Ein verhaltener Realismus mit leicht ironischen Untertönen und humorvollen Effekten lässt seine Menschen bemerkenswert plastisch erscheinen.“